Blog über germanisches Heidentum


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Von der Entstehung der Welt

Der nordische Schöpfungsmythos erzählt, dass am Anfang der Zeit das Ginnungagap vorherrschte, der gähnende Abgrund, in dem „nichts war“. Nördlich davon lag das eisige Nifelheim, südlich das glühende Muspelheim: Beide Gebiete waren lebensfeindlich.

In der Mitte von Nifelheim gab es einen Brunnen namens Hvergelmir, aus dem entsprangen zwölf Ströme, die man Elivagar nannte. Auf ihrem Weg gefroren sie und auch ihre Giftdämpfe, die über ihnen lagen, gefroren und legten sich als neue Eisschicht über die alte, bis sich Schicht über Schicht stülpte und bis hinab zum Ginnungagap reichte. Auf der nördlichen Seite stockte also das Eis, während im Süden Feuerfunken flogen. Diese Funken erreichten die Eisberge am Ginnungagap und schmolzen sie, sodass sich aus den Tropfen allmählich eine menschliche Gestalt herausschälte: Diese war Ymir, der erste Reifriese. Während Ymir schlief, begann er zu schwitzen und so entstanden unter seiner Achsel ein Junge und ein Mädchen, und sein einer Fuß zeugte mit dem anderen einen sechsköpfigen Riesen.

Neben Ymir entstand auch eine Kuh aus dem Eis, Audhumla, aus deren Zitzen vier Ströme flossen. Von diesen ernährte sich Ymir, während Audhumla salziges Eis leckte.

Am ersten Tage entblößte sie so einen Haarschopf, am zweiten ein Haupt, am dritten Tag einen ganzen Mann, der von schöner Gestalt war. Er hieß Buri und zeugte einen Sohn namens Bör [1]. Bör wiederum nahm Bestla, die Tochter des Riesen Bölthorn zur Frau, und diese gebar im drei Söhne: Odin, Vili und Ve.

Die drei Brüder töteten den Riesen Ymir und sein Blut ertränkte alle Reifriesen bis auf einen [2]: Bergelmir [3] gelang mit seinem Weib die Flucht auf ein Boot [4], und er begründete das neue Geschlecht der Reifriesen.

Odin, Vili und Ve aber nahmen den Leib des toten Ymir und schleiften ihn in die Mitte des Ginnungagap: Aus seiner Schädeldecke formten sie den Himmel, aus seinem Fleisch die Erde, aus seinen Knochen die Berge, aus Zähnen, Kinnbacken und Knochensplittern die Steine. Das Hirn wurde zu den Wolken, das Blut zu Meer und Flüssen und seine Haare die Wälder. An alle vier Ecken der Erde setzten sie Zwerge, Nordri, Sudri, Austri und Vestri [5] – in jede Himmelsrichtung einen. Die Funken von Muspelheim  setzten sie an den Himmel und bestimmten ihren Lauf und dadurch die Zeitmessung.

Jenseits des Meeres lag die Küste, an der die Riesen lebten [6], und die Götter hoben aus dem Meer Land empor [7] und errichteten mit Ymirs Augenbrauen einen Schutzwall [8]. Dieses Land nannten sie Midgard [9].

 

[1] Oder auch Burr. In der Rígsþula heißt der älteste Sohn von Jarl und Erna ebenfalls Burr (Strophe 41).

[2] Dahn interpretiert diese Blutflut als eine germanische Fassung einer Sintflut, die bei sehr vielen Völkern in der Sagenwelt vorkommt, wie etwa bei den Griechen und in der christlichen Mythologie. Erst durch Missverständnisse sei später eine Sündflut als Strafe für Sünden daraus geworden.

[3] Bergelmir, der Sohn von Thrudgelmir, der wiederum Aurgelmirs (Ymirs) Sohn war, der aus den Flüssen des Hvergelmir entstand. Man beachte den gleichen Namensstamm.

[4] Das Wort im Original lautet lúðr und ist nicht bekannt. Die wahrscheinlichste Übersetzung wird dennoch einheitlich als „Boot“ wiedergegeben. Fritzner sagt, damit sei ein ausgehöhlter Baumstamm gemeint, ein Trog, der zur Wiege und zum Fahrzeug dienen konnte.

[5] Das Geschlecht der Zwerge entstand wie Maden im Fleisch des toten Ymir. Erst die Götter Odin, Vili und Vé gaben ihnen Bewusstsein und menschliche Gestalt. Trotz dieser „Erhöhung“ blieb der bevorzugte Ort der Zwerge in Ymirs Fleisch (= unter der Erde).

[6] Útgarðr (Außenwelt) bzw. Jötunheimr (Heim der Jöten = Riesen). Der Name Jötunheim findet sich heute noch für ein bergiges Gebiet in Norwegen, das größtenteils mit Eis überzogen ist.

[7] In der Vǫluspá wird das Land (aus dem Wasser) emporgehoben, bei Snorri wurde das Wasser um das Land gelegt: „Aus dem Blute, das aus seinen Wunden geflossen war, machten sie das Weltmeer, festigten die Erde darin und legten es im Kreis um sie her, also dass es die meisten unmöglich dünken mag, hinüber zu kommen.“

[8] Es wird nicht deutlich, welche Rolle die Augenbrauen übernehmen. Dahl sagt, die Götter stützen die Erde auf die Augenbrauenbogen, um sie zu erhöhen und so gegen die Riesen zu schützen. Golter interpretiert sie als Wimpern, die einen schützenden Waldring am Ende der Erdscheibe ergeben.

[9] Midgarðr = Welt in der Mitte. In der Ynglinga saga taucht die Bezeichnung „Mannheimar“ (Heim der Menschen) auf. Dieser Begriff bezieht sich auf Schweden, wo man die Götter verortete. Dem wird Goðheimar (Heim der Götter) gegenübergestellt, ein ferner, nebulöser Ort.

„Mannheimar“ wird noch im 17. Jahrhundert im Namen des Werkes von Olof Rudbeck (1630-1702) „Atland eller Manheim“ (Atlantis oder Manheim) bezeugt.

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Gab es die Germanen?

Immer wieder begegnet man Stellungnahmen, es habe niemals Germanen gegeben und die Verwendung dieses Namens sei ganz und gar unwissenschaftlich oder schlicht falsch. Tatsächlich begegnen einem die Germanen jedoch ständig, auch in wissenschaftlicher Literatur von renommierten Autoren. Verfehlungen? Oder was hat es damit auf sich?

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Odin, Thor und Freyja. Skandinavische Kultplätze des 1. Jahrtausends n. Chr. und das Frankenreich

Kurzinfos

Autor: Sandie Holst, Egon Wamers

 

Verlag: Schnell & Steiner

 

Veröffentlichung: 2017


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Über Eichenstamm

Eichenstamm ist eine von mir erstellte Wissenssammlung zum Themenbereich germanisches Heidentum. Es hat keinerlei Anspruch auf Vollständigkeit und ermuntert seine Leser, gelesene Informationen selbst zu überprüfen und eigenständig weiterzuforschen, gleichwohl auf dieser Seite in keinem Fall willkürlich Falschinformationen verbreitet werden.

Durch Gespräche mit Neuheiden vor und während meines Studiums der Skandinavistik (worunter auch die Altnordistik fällt), wurde mir immer wieder vor Augen geführt, wie verwinkelt der Irrgarten ist, der zwischen Forschung und Esoterik zu diesem Themenbereich entstanden ist. Vor meinem Studium bin ich leider denselben Missverständnissen erlegen und konnte einige Irrtümer durch Gespräche und Kurse bei fähigen Dozenten bereinigen.

Aufgrund dieser Erlebnisse entstand der Wunsch, eine Webseite hochzuziehen, die grundlegende Tatsachen klärt, Irrtümer aus dem Weg räumt und es Interessierten am Heidentum somit erleichtert, schneller Esoterik von wissenschaftlich fundamentiertem Wissen zu unterscheiden.

 

Wichtig: Ich bin gläubige und praktizierende Heidin. Meine Einträge sind somit keinesfalls auf demselben wissenschaftlichen Niveau wie die Arbeiten renommierter Autoren, da mein subjektiver Standpunkt (absichtlich) zu nah an der Materie ist. Dennoch versuche ich in jedem Fall zwischen anerkanntem Wissen (quellenfundiert), Esoterik und eigener Interpretation streng zu unterscheiden.