Runengedichte


Die Runennamen

Die Runica Manuscripta

Erste Seite des Beowulf-Manuskriptes. Thorn-Runen (þ) farblich hervorgehoben
Erste Seite des Beowulf-Manuskriptes. Thorn-Runen (þ) farblich hervorgehoben

Als Runica Manuscripta, also Manuskript-Runen, bezeichnet man eine Reihe von Runen, die ausschließlich in Manuskripten vorkommen, also "gezeichnet" und nicht geritzt wurden.

Manuskriptrunen erscheinen beispielsweise in englischen oder isländischen Texten, wo einzelne Runen für Laute stehen, die das lateinische Alphabet nicht kennt (zum Beispiel þ für den th-Laut [θ] ). Eine weitere Variante sind Runen, die in Texten mit lateinischen Buchstaben für ein ganzes Wort stehen (etwa ᛗ "Mannaz" anstelle von Mann).

 

Die Runica Manuscripta, mit denen sich dieser Teil des Blogs beschäftigt, umfasst die Runenalphabete und Runengedichte. Dabei handelt es sich um mittelalterliche Schriften bzw. aus dem Mittelalter überlieferte Schriften, welche die Runennamen angeben und deren Bedeutung dichterisch umschreiben. Meist finden sich die Runengedichte in allgemeinen Abhandlungen über Schriften und Alphabete.

  

Heute sind uns fünf Runengedichte bekannt: Das Abecedarium Nordmannicum, das angelsächsische, das altnorwegische, das altisländische und das schwedische Runengedicht.

Runennamen auf Inschriften

Einige wenige Runennamen sind uns tatsächlich auf Inschriften überliefert, allerdings viel zu wenige, um daraus die gesamten Namen des Futhark zu ziehen. In diesen Inschriften ersetzt eine einzelne Rune entweder ihren Begriffswert und kann dadurch erschlossen werden, oder die Runennamen werden zu einer Art Geheimbotschaft ausgeschrieben.

 

Für ersteren Fall seien zwei schwedische Steininschriften genannt. Die eine lautet übersetzt "Haduwolf gab ᛃ (= gutes Jahr)", die andere "Haduwolf setzte drei Runen-Stäbe: ᚠᚠᚠ (= Vieh)".

Auch im Skírnismál und dem Sigrdrífomál sind einzelne Runen als Begriffsrunen belegt.

 

Die andere Gruppe behandelt Inschriften wie "íss úr ár reið rais[t]". Hier werden die einzelnen Runen ausgeschrieben, für die Bedeutung zählt aber einzig ihr Lautwert, also: I U A R raist = "Ívarr ritzte [diese Runen]". In diesen Inschriften werden somit einzelne Runen namentlich belegt; wie gesagt reicht die Zahl dieser Funde jedoch nicht aus, um sämtliche Namen zu bestimmen.


Die Runengedichte

Abecedarium Nordmannicum

Das Abecedarium Nordmannicum ist in der Handschrift St. Gallen 878 (bzw. Codex Sangallensis 878) überliefert. Dort findet es sich am Ende der Seite 321 direkt unter einer angelsächsischen Runenreihe.


Angelsächsisches Runengedicht

Die Rezeption des angelsächsischen Runengedichts erweist sich aufgrund des Verlustes des Originals als schwierig. Das Gedicht war in der Handschrift Cotton Otho B X fol überliefert, auf dem Blatt 165 verso. Bei einem Brand im Ashburnham-House in London am 23. Oktober 1731 wurde das Manuskript stark beschädigt, heute sind nur noch etwa 50 Seiten erhalten. Das Runengedicht ist nicht darunter.


Altnorwegisches Runengedicht

Wie das angelsächsische Runengedicht ging auch das altnorwegische Runengedicht vollständig verloren. Aus diesen Grund erweist sich die Forschung als schwierig. Árni Magnússon und Ole Worm berichten beide, dass das Gedicht aus einem Gesetzeskodex stammt. Dieser ging bei einem Brand in Kopenhagen 1728 zugrunde, über seinen Inhalt ist generell wenig bekannt.





Übersetzungen mit der freundlichen Genehmigung von Alessia Bauer (Runengedichte - Texte, Untersuchungen und Kommentare zur gesamten Überlieferung, Hrsg. Rudolf Simek in: Studia Medievalia Septentrionalia Band 9, 2003). Alle Urheberrechte verbleiben bei der Autorin.