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Von der Entstehung der Welt

Der nordische Schöpfungsmythos erzählt, dass am Anfang der Zeit das Ginnungagap vorherrschte, der gähnende Abgrund, in dem „nichts war“. Nördlich davon lag das eisige Nifelheim, südlich das glühende Muspelheim: Beide Gebiete waren lebensfeindlich.

In der Mitte von Nifelheim gab es einen Brunnen namens Hvergelmir, aus dem entsprangen zwölf Ströme, die man Elivagar nannte. Auf ihrem Weg gefroren sie und auch ihre Giftdämpfe, die über ihnen lagen, gefroren und legten sich als neue Eisschicht über die alte, bis sich Schicht über Schicht stülpte und bis hinab zum Ginnungagap reichte. Auf der nördlichen Seite stockte also das Eis, während im Süden Feuerfunken flogen. Diese Funken erreichten die Eisberge am Ginnungagap und schmolzen sie, sodass sich aus den Tropfen allmählich eine menschliche Gestalt herausschälte: Diese war Ymir, der erste Reifriese. Während Ymir schlief, begann er zu schwitzen und so entstanden unter seiner Achsel ein Junge und ein Mädchen, und sein einer Fuß zeugte mit dem anderen einen sechsköpfigen Riesen.

Neben Ymir entstand auch eine Kuh aus dem Eis, Audhumla, aus deren Zitzen vier Ströme flossen. Von diesen ernährte sich Ymir, während Audhumla salziges Eis leckte.

Am ersten Tage entblößte sie so einen Haarschopf, am zweiten ein Haupt, am dritten Tag einen ganzen Mann, der von schöner Gestalt war. Er hieß Buri und zeugte einen Sohn namens Bör [1]. Bör wiederum nahm Bestla, die Tochter des Riesen Bölthorn zur Frau, und diese gebar im drei Söhne: Odin, Vili und Ve.

Die drei Brüder töteten den Riesen Ymir und sein Blut ertränkte alle Reifriesen bis auf einen [2]: Bergelmir [3] gelang mit seinem Weib die Flucht auf ein Boot [4], und er begründete das neue Geschlecht der Reifriesen.

Odin, Vili und Ve aber nahmen den Leib des toten Ymir und schleiften ihn in die Mitte des Ginnungagap: Aus seiner Schädeldecke formten sie den Himmel, aus seinem Fleisch die Erde, aus seinen Knochen die Berge, aus Zähnen, Kinnbacken und Knochensplittern die Steine. Das Hirn wurde zu den Wolken, das Blut zu Meer und Flüssen und seine Haare die Wälder. An alle vier Ecken der Erde setzten sie Zwerge, Nordri, Sudri, Austri und Vestri [5] – in jede Himmelsrichtung einen. Die Funken von Muspelheim  setzten sie an den Himmel und bestimmten ihren Lauf und dadurch die Zeitmessung.

Jenseits des Meeres lag die Küste, an der die Riesen lebten [6], und die Götter hoben aus dem Meer Land empor [7] und errichteten mit Ymirs Augenbrauen einen Schutzwall [8]. Dieses Land nannten sie Midgard [9].

 

[1] Oder auch Burr. In der Rígsþula heißt der älteste Sohn von Jarl und Erna ebenfalls Burr (Strophe 41).

[2] Dahn interpretiert diese Blutflut als eine germanische Fassung einer Sintflut, die bei sehr vielen Völkern in der Sagenwelt vorkommt, wie etwa bei den Griechen und in der christlichen Mythologie. Erst durch Missverständnisse sei später eine Sündflut als Strafe für Sünden daraus geworden.

[3] Bergelmir, der Sohn von Thrudgelmir, der wiederum Aurgelmirs (Ymirs) Sohn war, der aus den Flüssen des Hvergelmir entstand. Man beachte den gleichen Namensstamm.

[4] Das Wort im Original lautet lúðr und ist nicht bekannt. Die wahrscheinlichste Übersetzung wird dennoch einheitlich als „Boot“ wiedergegeben. Fritzner sagt, damit sei ein ausgehöhlter Baumstamm gemeint, ein Trog, der zur Wiege und zum Fahrzeug dienen konnte.

[5] Das Geschlecht der Zwerge entstand wie Maden im Fleisch des toten Ymir. Erst die Götter Odin, Vili und Vé gaben ihnen Bewusstsein und menschliche Gestalt. Trotz dieser „Erhöhung“ blieb der bevorzugte Ort der Zwerge in Ymirs Fleisch (= unter der Erde).

[6] Útgarðr (Außenwelt) bzw. Jötunheimr (Heim der Jöten = Riesen). Der Name Jötunheim findet sich heute noch für ein bergiges Gebiet in Norwegen, das größtenteils mit Eis überzogen ist.

[7] In der Vǫluspá wird das Land (aus dem Wasser) emporgehoben, bei Snorri wurde das Wasser um das Land gelegt: „Aus dem Blute, das aus seinen Wunden geflossen war, machten sie das Weltmeer, festigten die Erde darin und legten es im Kreis um sie her, also dass es die meisten unmöglich dünken mag, hinüber zu kommen.“

[8] Es wird nicht deutlich, welche Rolle die Augenbrauen übernehmen. Dahl sagt, die Götter stützen die Erde auf die Augenbrauenbogen, um sie zu erhöhen und so gegen die Riesen zu schützen. Golter interpretiert sie als Wimpern, die einen schützenden Waldring am Ende der Erdscheibe ergeben.

[9] Midgarðr = Welt in der Mitte. In der Ynglinga saga taucht die Bezeichnung „Mannheimar“ (Heim der Menschen) auf. Dieser Begriff bezieht sich auf Schweden, wo man die Götter verortete. Dem wird Goðheimar (Heim der Götter) gegenübergestellt, ein ferner, nebulöser Ort.

„Mannheimar“ wird noch im 17. Jahrhundert im Namen des Werkes von Olof Rudbeck (1630-1702) „Atland eller Manheim“ (Atlantis oder Manheim) bezeugt.

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Gab es die Germanen?

Immer wieder begegnet man Stellungnahmen, es habe niemals Germanen gegeben und die Verwendung dieses Namens sei ganz und gar unwissenschaftlich oder schlicht falsch. Tatsächlich begegnen einem die Germanen jedoch ständig, auch in wissenschaftlicher Literatur von renommierten Autoren. Verfehlungen? Oder was hat es damit auf sich?

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Odin, Thor und Freyja. Skandinavische Kultplätze des 1. Jahrtausends n. Chr. und das Frankenreich

Kurzinfos

Autor: Sandie Holst, Egon Wamers

 

Verlag: Schnell & Steiner

 

Veröffentlichung: 2017


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Die Geschichte der Langobarden

Die Geschichte der Langobarden (historia gentis Langobardorum) ist ein Geschichtswerk von Paulus Diakonus, der im 8. Jahrhundert lebte und sie in seinem Lebensabend verfasste. Sie umfasst sechs Bücher und ist unvollständig. Diakonus behandelt die Geschichte seit der Entstehung der Langobarden bis zum Tode von König Liudprand 744.

 

An dieser Stelle von Interesse ist einzig der Abschnitt über die Namensgebung der Langobarden, für die, der Erzählung zufolge, Wotan (Godan) und Frija (Frea) verantwortlich sind. Alle Texte sind übersetzt von Otto Abel.

Vor dem eigentlichen Text von Diakonus habe ich seine Quelle aufgeführt, da diese den speziellen Abschnitt der Namensgebung detailreicher behandelt.

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Der Inhalt der Íslendingabók

Die Íslendingabók besteht aus 12 Kapiteln, wobei zwei davon (unklar, an welcher Stelle sie im Buch standen) nicht erhalten sind. Ari selbst schreibt, dass er diese beiden Kapitel aus seiner Urfassung nicht übernommen hat. Sie behandelten Königsbiographien und eine Genealogie des Autors.

 

Die Namen der anderen Kapitel lauten:

  1. Über Islands Besiedelung
  2. Über die Landnehmer und die Gesetzgebung
  3. Über die Einrichtung des Allthings
  4. Über die Jahreszählung
  5. Über die Eilteilung in Viertel
  6. Über Grönlands Besiedelung
  7. Darüber, wie das Christentum nach Island kam
  8. Über die ausländischen Bischöfe
  9. Über Bischof Ísleif
  10. Über Bischof Gizur

Im Folgenden findet sich eine Zusammenfassung der einzelnen Kapitel unter Nichtmiteinbeziehung der wissenschaftlichen Redaktion. Man beachte daher, dass es sich hierbei allein um Aris Sicht und Nacherzählung handelt, die durchaus fehlerhaft sein kann.

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Die Íslendingabók

Die Íslendingabók zählt als das älteste uns bekannte Geschichtswerk der Isländer. Ihr Name bedeutet so viel wie "Buch der Isländer" (bók = femininum, daher 'die Íslendingabók'). Ari Þorgilsson verfasste sie zwischen 1122 und 1133, nachdem er bereits eine Urfassung geschrieben und den Bischöfen Þorlák und Ketill vorgelegt hatte, welche ihn dazu ermutigten, seine Arbeit weiterzuführen.

Das Werk ist auf Isländisch verfasst, was ungewöhnlich für das Mittelalter, wenn auch nicht für Island ist. Kleine Überschriften auf Latein zeigen jedoch, dass Ari dieser Sprache nicht nur kundig war, sondern auch lateinische Texte gelesen hatte, da diese in ähnlicher Art und Weise aufgebaut sind. Nach der Einleitung etwa beginnt er etwa die typisch lateinische Inhaltsangabe mit den Worten "In hoc codice continentur capitula", also "In dieser Schrift sind jene Kapitel enthalten".

 

In der Íslendingabók geht es um die Landnahme Islands, die Entstehung des Things und der Gesetze sowie um die Annahme des Christentums.

 

Ari verwendet nur wenig eindeutige Jahreszahlen. Die meisten Ereignisse führt er - wie es für die Zeit üblich war - auf Menschen zurück, etwa auf das x-te Jahr nach dem Tod eines gewissen Königs. Nicht immer konnten diese Angaben historisch belegt werden, in manchen Fällen sind sie gar unwahr.

 

Die heutigen erhaltenen Handschriften stammen aus dem 17. Jahrhundert und wurden beide von Jón Erlendsson von einem Manuskript des 12. Jahrhunderts kopiert. Dieses muss bald darauf in Dänemark verloren gegangen sein, denn nur kurze Zeit später konnte es trotz Bemühungen vonseiten  Árni Magnússons nicht mehr gefunden werden. Die erhaltenen Handschriften tragen die Nummern AM 113 a fol. und AM 113 b fol.

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Die Merseburger Zaubersprüche

Die beiden Merseburger Zaubersprüche sind zwei Strophen, die einerseits die Befreiung eines Gefangenen, andererseits die Heilung eines verrenkten Pferdefußes bewirken sollen. Dafür richteten sie sich an germanische Götter und Geister. Besonders bedeutend sind sie außerdem, weil sie die einzigen vorchristlichen Schriften in althochdeutscher Sprache sind.

Sie wurden im 19. Jahrhundert in der Domkapitelbibliothek von Merseburg in einer Handschrift aus dem 10. Jahrhundert entdeckt. Ein Jahr später, 1842, wurden sie erstmals von Jacob Grimm herausgegeben und kommentiert.

 

Die Sprüche finden sich als Nachtrag in einer Sammelhandschrift mit vornehmlich christlichem Inhalt (etwa Taufgelöbnissen oder Gebeten). Die Signatur lautet Merseburg, Domstiftsbibliothek, Codex I, 136; die Sprüche werden meist auf fol. 85r angegeben, aufgrund einer nicht ganz leichten Seitennummerierung schlug aber schon Jacob Grimm fol. 84r vor.

Man geht davon aus, dass die Zaubersprüche ursprünglich in Fulda aufgeschrieben wurden, zumindest kann nachgewiesen werden, dass sich die Handschrift bis zum Jahr 990 im Kloster von Fulda befand. Der genaue Dialekt der beiden Sprüche lässt sich nicht abschließend feststellen.

 

Beide Zaubersprüche bestehen aus einer einleitenden Geschichte (historiola) und dem anschließenden Zauberspruch (incantatio). Sie verwenden die germanische Langzeile mit Stabreim, der jedoch nicht konsequent durchgeführt wird; tatsächlich ist ein Hang zum Endreim ersichtlich. Daher geht man im Allgemeinen davon aus, dass die Sprüche in einer Zeit entstanden, in welcher der Endreim allmählich den Stabreim ablöste.

Insgesamt gehen die Meinungen der Forscher zur Entstehungszeit weit auseinander. Felix Genzmer etwa datiert den ersten Spruch ins 2., den zweiten ins 5. Jahrhundert, während man heute eher eine Zeit zwischen 750 und frühes 10. Jahrhundert annimmt (also kurz vor der Verschriftlichung). 

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Frau Holle

ine Witwe hatte zwei Töchter, davon war die eine schön und fleißig, die andere hässlich und faul. Sie hatte aber die hässliche und faule, weil sie ihre rechte Tochter war, viel lieber, und die andere musste alle Arbeit tun und der Aschenputtel im Hause sein. Das arme Mädchen musste sich täglich auf die große Straße bei einem Brunnen setzen und musste so viel spinnen, dass ihm das Blut aus den Fingern sprang.

Nun trug es sich zu, dass die Spule einmal ganz blutig war, da bückte es sich damit in den Brunnen und wollte sie abwaschen; sie sprang ihm aber aus der Hand und fiel hinab. Es weinte, lief zur Stiefmutter und erzählte ihr das Unglück.

Sie schalt es aber so heftig und war so unbarmherzig, dass sie sprach: »Hast du die Spule hinunterfallen lassen, so hol sie auch wieder herauf.«

Da ging das Mädchen zu dem Brunnen zurück und wusste nicht, was es anfangen sollte; und in seiner Herzensangst sprang es in den Brunnen hinein, um die Spule zu holen.

Es verlor die Besinnung, und als es erwachte und wieder zu sich selber kam, war es auf einer schönen Wiese, wo die Sonne schien und vieltausend Blumen standen. Auf dieser Wiese ging es fort und kam zu einem Backofen, der war voller Brot; das Brot aber rief: »Ach, zieh mich raus, zieh mich raus, sonst verbrenn ich: Ich bin schon längst ausgebacken.«

Da trat es herzu und holte mit dem Brotschieber alles nacheinander heraus. Danach ging es weiter und kam zu einem Baum, der hing voll Äpfel, und rief ihm zu: »Ach, schüttel mich, schüttel mich, wir Äpfel sind alle miteinander reif.«

Da schüttelte es den Baum, dass die Äpfel fielen, als regneten sie, und schüttelte, bis keiner mehr oben war; und als es alle in einen Haufen zusammengelegt hatte, ging es wieder weiter. Endlich kam es zu einem kleinen Haus, daraus guckte eine alte Frau, weil sie aber so große Zähne hatte, ward ihm angst, und es wollte fortlaufen. Die alte Frau aber rief ihm nach: »Was fürchtest du dich, liebes Kind? Bleib bei mir, wenn du alle Arbeit im Hause ordentlich tun willst, so soll dir's gut gehn. Du musst nur achtgeben, dass du mein Bett gut machst und es fleißig aufschüttelst, dass die Federn fliegen, dann schneit es in der Welt; ich bin die Frau Holle.«

Weil die Alte ihm so gut zusprach, so fasste sich das Mädchen ein Herz, willigte ein und begab sich in ihren Dienst. Es besorgte auch alles nach ihrer Zufriedenheit und schüttelte ihr das Bett immer gewaltig, auf dass die Federn wie Schneeflocken umherflogen; dafür hatte es auch ein gut Leben bei ihr, kein böses Wort und alle Tage Gesottenes und Gebratenes.

Nun war es eine Zeit lang bei der Frau Holle, da ward es traurig und wusste anfangs selbst nicht, was ihm fehlte, endlich merkte es, dass es Heimweh war; ob es ihm hier gleich vieltausendmal besser ging als zu Haus, so hatte es doch ein Verlangen dahin. Endlich sagte es zu ihr: »Ich habe den Jammer nach Haus kriegt, und wenn es mir auch noch so gut hier unten geht, so kann ich doch nicht länger bleiben, ich muss wieder hinauf zu den Meinigen.«

Die Frau Holle sagte: »Es gefällt mir, dass du wieder nach Haus verlangst, und weil du mir so treu gedient hast, so will ich dich selbst wieder hinaufbringen.«

Sie nahm es darauf bei der Hand und führte es vor ein großes Tor. Das Tor ward aufgetan, und wie das Mädchen gerade darunterstand, fiel ein gewaltiger Goldregen, und alles Gold blieb an ihm hängen, sodass es über und über davon bedeckt war. »Das sollst du haben, weil du so fleißig gewesen bist«, sprach die Frau Holle und gab ihm auch die Spule wieder, die ihm in den Brunnen gefallen war. Darauf ward das Tor verschlossen, und das Mädchen befand sich oben auf der Welt, nicht weit von seiner Mutter Haus; und als es in den Hof kam, saß der Hahn auf dem Brunnen und rief: »Kikeriki, unsere goldene Jungfrau ist wieder hie.«

Da ging es hinein zu seiner Mutter, und weil es so mit Gold bedeckt ankam, ward es von ihr und der Schwester gut aufgenommen.

Das Mädchen erzählte alles, was ihm begegnet war, und als die Mutter hörte, wie es zu dem großen Reichtum gekommen war, wollte sie der andern, hässlichen und faulen Tochter gerne dasselbe Glück verschaffen. Sie musste sich an den Brunnen setzen und spinnen; und damit ihre Spule blutig ward, stach sie sich in die Finger und stieß sich die Hand in die Dornhecke. Dann warf sie die Spule in den Brunnen und sprang selber hinein.

Sie kam, wie die andere, auf die schöne Wiese und ging auf demselben Pfade weiter. Als sie zu dem Backofen gelangte, schrie das Brot wieder: »Ach, zieh mich raus, zieh mich raus, sonst verbrenn ich, ich bin schon längst ausgebacken.«

Die Faule aber antwortete: »Da hätt ich Lust, mich schmutzig zu machen«, und ging fort.

Bald kam sie zu dem Apfelbaum, der rief: »Ach, schüttel mich, schüttel mich, wir Äpfel sind alle miteinander reif.«

Sie antwortete aber: »Du kommst mir recht, es könnte mir einer auf den Kopf fallen«, und ging damit weiter.

Als sie vor der Frau Holle Haus kam, fürchtete sie sich nicht, weil sie von ihren großen Zähnen schon gehört hatte, und verdingte sich gleich zu ihr. Am ersten Tag tat sie sich Gewalt an, war fleißig und folgte der Frau Holle, wenn sie ihr etwas sagte, denn sie dachte an das viele Gold, das sie ihr schenken würde; am zweiten Tag aber fing sie schon an zu faulenzen, am dritten noch mehr, da wollte sie morgens gar nicht aufstehen. Sie machte auch der Frau Holle das Bett nicht, wie sich's gebührte, und schüttelte es nicht, dass die Federn aufflogen.

Das ward die Frau Holle bald müde und sagte ihr den Dienst auf. Die Faule war das wohl zufrieden und meinte, nun würde der Goldregen kommen; die Frau Holle führte sie auch zu dem Tor, als sie aber darunterstand, ward statt des Goldes ein großer Kessel voll Pech ausgeschüttet.

»Das ist zur Belohnung deiner Dienste«, sagte die Frau Holle und schloss das Tor zu. Da kam die Faule heim, aber sie war ganz mit Pech bedeckt, und der Hahn auf dem Brunnen, als er sie sah, rief: »Kikeriki, unsere schmutzige Jungfrau ist wieder hie.«

Das Pech aber blieb fest an ihr hängen und wollte, solange sie lebte, nicht abgehen.


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Die Runeninschriften von Monte Sant'Angelo

Die Gemeinde Monte Sant'Angelo befindet sich im Süden Italiens im Gargano (Apulien), weitab von großen Städten und noch heute nur durch schmale, kurvige Straßen erschlossen, die sich kilometerweit durch den Wald Forsta Umbra winden. Dennoch ist sie ein interessanter Ort für Runeninteressierte - auch wenn das der christliche Name kaum vermuten lässt. Die gesamte Gemeinde ist nämlich dem Erzengel Michael geweiht.

Neben einem großen normannischen Burgkomplex, dessen Baubeginn in die erste Hälfte des 9. Jahrhunderts zurückreicht, zieht vor allem das Sanktuarium von San Michele viele Besucher und Pilger an. Es ist berühmt für seine Krypta, die in eine Grotte integriert wurde, und zählt seit 2011 zum Unesco Weltkulturerbe. Es wurde etwa um 490 errichtet und entstammt langobardischer Hand. Der Legende zufolge begann man mit dem Bau, als in diesem Jahr der Erzengel Michael in den Gargano herabstieg. Die Langobarden, die in dem Heiligen mit seinen kriegerischen Attributen ihren ehemaligen Gott Odin wiedererkannten, hegten von Anfang an besondere Sympathien für Michael und machten das Sanktuarium zu dem nationalen Sanktuarium der Langobarden.

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Runenkunde - Klaus Düwel

Kurzinfos

Autor: Klaus Düwel

 

Verlag: J. B. Metzler

 

Veröffentlichung: 2008


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Die Landnámabók

Bei der Landnámabók handelt es sich um ein umfassendes Werk, das zahllose isländische Siedler beim Namen nennt. Übersetzt heißt es "Das Buch der Landnahmen" und man geht davon aus, dass an ihrer Entstehung Ari Þorgilsson mitbeteiligt war, also jener Isländer, welcher auch die Íslendingabók verfasste. Die Landnámabók gilt allerdings als älter. Sie soll ungefähr um das Jahr 1100 entstanden sein und beruht bis dahin auf mündlichen Überlieferungen. Im 13. Jahrhundert wurde sie stark überarbeitet und um weitere Erzählungen ergänzt. Dies geschah wahrscheinlich aufgrund der Entstehung der Isländersagas, da diese sowohl aus der Landnámabók zitieren als auch umgekehrt.

In der Landnámabók werden 425 Landnehmer aufgelistet (davon 412 Männer und 13 Frauen), die in der Zeit zwischen 870 und 930 Island erreichten. Daneben werden weitere Vorfahren und Nachfahren angegeben (insgesamt etwa 3.000 Namen), der Ort, an dem sie an Land kamen, sowie einige Geschichten aus ihrem Leben. Vielfach werden Namen von Höfen, Siedlungen, Bergen, Flüssen o.Ä. mithilfe solcher Anekdoten erklärt (insgesamt etwa 1.400 Ortsnennungen).

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Skaldik 6: Eddische und skaldische Dichtung

Eine Frage, die die Skaldenforschung schon lange umtreibt, ist jene nach dem Unterschied von eddischer und skaldischer Dichtung, also den Liedern der Edda und der Preisdichtung, die zum Beispiel auf Fürstenhöfen vorgetragen wurde. Zweifellos ist ein Unterschied erkennbar, es ist jedoch schwierig, diesen auf eine Definition herunterzubrechen. Da der Begriff "eddisch" ohnehin erst eine Erfindung des 17. Jahrhunderts ist, muss außerdem beachtet werden, dass jegliche Trennung zwischen den beiden Kunstformen auf modernen Ansichten beruht und zur Zeit der Verfassung von skaldischen bzw. eddischen Liedern nicht vorgenommen wurde.

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Die 9 edlen Tugenden

Für viele heutige Heiden sind die neun edlen Tugenden fast noch höher geachtete Werte als die zehn Gebote für moderne Christen. An ihnen richten sie ihre Moral und Verhaltensweisen aus und stellen sie neben den Göttern ins Zentrum ihrer Religion. Wikipedia bezeichnet sie gar als "wichtigsten Kodex im germanischen Neuheidentum".

Tatsächlich sind die neun Tugenden moderne Erfindungen des großbritannischen Odinic Rite. Diese lauten: Mut (courage), Disziplin (discipline), Treue (fidelity), Ehre (honour), Gastfreundschaft (hospitality), Fleiß (industriousness), Ausdauer (perseverance), Selbstständigkeit (self-reliance), Aufrichtigkeit (truth).

(Quelle: Website des Odinic Rite)

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Die Vǫluspá - Ein Überblick

Allgemein

Die Vǫluspá (ausgesprochen "Völüspau" oder "Völuspaa") steht als erstes Lied in der Lieder-Edda. Ihr Name bedeutet übersetzt so viel wie "die Weissagung der Seherin" (von völva = "Seherin" und spá = "Weissagung"). Sie gilt als das berühmteste Gedicht der Lieder-Edda und das wichtigste der mittelalterlichen skandinavischen Poesie.

 

Die Vǫluspá ist in zwei Handschriften überliefert, einmal im Codex Regius mit 62 Strophen, einmal im Hauksbók mit 57 Strophen, wobei in letzterem vier Strophen zu finden sind, die im CR nicht existieren. Diese wurden in die Fassung des CR integriert, sodass die heute übliche Form der Vǫluspá 66 Strophen umfasst.

Außerdem zitiert Snorri in seiner Prosa Edda einige Strophen als Quelle und belegt mit mindestens zehn Nennungen den Namen der Vǫluspá .

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Das altnorwegische Runengedicht: Rezeption

Wie das angelsächsische Runengedicht ging auch das altnorwegische Runengedicht vollständig verloren. Aus diesen Grund erweist sich die Forschung daran als schwierig. Árni Magnússon und Ole Worm berichten beide, dass das Gedicht aus einem Gesetzeskodex stammt. Dieser ging bei einem Brand in Kopenhagen 1728 zugrunde, über seinen Inhalt ist generell wenig bekannt.

Heute sind uns nur zwei Abschriften vom Ende des 17. Jahrhunderts sowie ein Abdruck von 1636 erhalten. Erstere gehen auf Árni Magnússon (E Don. Var. 1-2° Barth. D) und Jón Eggertsson (Papp. Folio Nr. 64x) zurück, der Druck dagegen auf Ole Worm. Die beiden Abschriften stimmen größtenteils miteinander überein, der Druck dagegen weicht in einigen Elementen ab. Man geht jedoch davon aus, dass Ole Worm dasselbe Manuskript vorlag. Ole Worm war des Altnorwegischen nicht allzu kundig, weshalb sich bei ihm einige Fehler eingeschlichen haben. Trotzdem beziehen sich die meisten späteren Abschriften des Gedichts auf Worm, da seine Fassung vermutlich leichter zugänglich als die Magnússons und Eggertssons war.

Die Runennamen sind einzig bei Worm zu finden, es ist jedoch nicht klar, ob er diese aus dem Originaltext zog, da er dies nicht explizit erwähnt. Aus diesem Grund mussten die Runennamen über andere Runica Manuscripta erschlossen und geprüft werden (tatsächlich ist Worms Fassung auch beim Thema Runennamen nicht ganz korrekt).

Grundsätzlich muss bei der Fassung von Worm und einigen seiner späteren Kopisten beachtet werden, dass sie den Text nicht nur abschrieben, sondern zeitgleich interpretierten und - bei mangelndem Verständnis - selbst einen Sinn einzufügen suchten, während Eggertsson und Magnússon lediglich die Verse wiedergeben wollten.

 

Die Strophen des Runengedichts bestehen aus zwei Langzeilen pro Rune, die sowohl durch Stäbe als auch Endreim verbunden sind. Auffallend ist, dass der Abvers jeweils mit dem Anvers wenig zu tun zu haben scheint und daher eine Deutung schwer fällt. Wilhelm Grimm schreibt in seinem Ueber deutsche Runen (1821): "Die zweite Zeile ist jedes Mal bloß des Reims wegen zugesetzt und steht ihrem Inhalt nach mit der ersten in keiner weiteren Verbindung." Diesem Ansatz folgte die Forschung lange Zeit, bis Clunies Ross 1990 einen ersten Zusammenhang zwischen An- und Abvers in der f-Strophe nachweist. Seither werden weitere Verbindungen gesucht und in der Forschung diskutiert.

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Das angelsächsische Runengedicht: Rezeption

George Hickes
George Hickes

Die Rezeption des angelsächsischen Runengedicht erweist sich aufgrund des Verlustes des Originals als schwierig. Das Gedicht war in der Handschrift Cotton Otho B X fol überliefert, auf dem Blatt 165 verso. Bei einem Brand im Ashburnham-House in London am 23. Oktober 1731 wurde das Manuskript stark beschädigt, heute sind nur noch etwa 50 Seiten erhalten. Das Runengedicht ist nicht darunter.

 

Aus diesem Grund muss sich die Forschung auf die Abschrift von George Hickes aus dem Jahr 1705 verlassen. Diese findet sich in seinem Werk Linguarum Veterum Septentrionalium Thesaurus Grammatico-Criticus et Archæologicus in Band 1 auf Seite 135.  Es ist ungeklärt, wie präzise Hickes gearbeitet hat.

 

In der originalen Handschrift waren größtenteils Texte über Heilige bzw. mit stark christlichem Kontext gesammelt, direkt vor dem Runengedicht befand sich der Text Pænitentiale Saxonicum. Aufgrund zweier Kataloge aus der Zeit vor der Beschädigung des Manuskriptes, die sich hinsichtlich der Beschreibung des Runengedichtes unterscheiden, ist davon auszugehen, dass das Gedicht nicht von Anfang an in die Handschrift integriert war, sondern erst nachträglich anstelle einer anderen Seite eingefügt wurde. Einer dieser Kataloge, der Catalogus librorum manuscriptorum bibliothecæ Cottoniancæ von Smith, spricht etwa von zehn Runen: "Ausländische Buchstaben, zehn an der Zahl. Manche davon scheinen Runen ähnlich zu sein."

Auf Hickes Abschrift des Gedichts finden sich aber mehr Runen, 29 mit Versen umschrieben, 2 weitere ohne Verse. Am Ende des Textes befindet sich eine Reihe von 9 Runen mit dem lateinischen Zusatz: "Hos characteres [neun Runen eingefügt] ad alia sestinans studioso lectori interpretanda relinquo." Übersetzt: "Ich selbst, der zu anderem übergehen möchte, überlasse dem eifrigen Leser diese Zeichen o, l d, w, n, x, f, o, g um sie zu deuten." Man hält dies für eine Federprobe, da die Runen keinen sinnvollen Text ergeben.

Es steht jedenfalls zur Diskussion, ob Smith in seinem Katalog diese Runen meint und sich von neun auf zehn Runen verzählt hat.

 

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Kaunan: Bedeutung in Wissenschaft und Esoterik

Die Rune Kaunan oder Kenaz gehört zu jenen Runen des älteren und jüngeren Futharks, deren Bedeutung nicht vollständig geklärt ist. In sämtlichen skandinavischen Runengedichten wird sie als kaun belegt und mit Krankheiten, die Kinder schaden, beschrieben. Tatsächlich heißt das altnordische Wort kaun so viel wie Beule oder Geschwulst. Einzig im angelsächsischen Runengedicht wird die Form cen überliefert, die Kienspan oder Fackel bedeutet. Der Germanist von Grienberger und der Mediävist Marstrander stellten die These auf, dass cen von *cean stammt, welches auf kaun zurückgehe. Die neue Bedeutung von *cean/cen hätte sich erst nachträglich etabliert.

 

Wir können also festhalten, dass sehr vieles für die Bedeutung kaun = Geschwür spricht, während cen = Fackel in nur einer einzigen Quelle überliefert wird - wobei es auch hier eine Vermutung gibt, wie die angelsächsische Bedeutung sich durch die skandinavische Urbedeutung geformt hat.

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Die Vǫluspá - Die drei stef

"Stef" ist der altnordische Name für eine Art Refrain, der üblicherweise in der Skaldik vorkommt. Ein stef formuliert das eigentlich inhaltlich Gleiche mit unterschiedlichen Worten und tauscht dabei beispielsweise nur die Kenningar aus.

Das ist bei der Vǫluspá anders. Hier sind die stefir jeweils identisch und variieren sprachlich nicht. Dafür aber hat das Lied gleich drei unterschiedliche stefir - was selbst für eine Skaldenstrophe ungewöhnlich wäre.

 

Die Vǫluspá ist das einzige Lied in der gesamten Edda, welches einen stef besitzt. Zusammen mit ihrer Stellung ganz zu Beginn der Edda kommt ihr somit also eine herausragende Stellung zu. Auch in der Skaldik wertet ein stef eine Strophe deutlich auf (siehe dazu den Artikel über den Stellenwert unterschiedlicher skaldischer Strophenformen).

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Skaldik 5: Das mythologische Erbe

Was also ist die Skaldik für einen Neuheiden außer eine hübsche Kunstform, für die man die Wikinger bewundern kann? Welchen Zweck hat es, sich näher mit der Skaldik zu befassen, wenn man sich in erster Linie um die Mythologie schert - und nicht um Kenningar, Versmaß und Lobpreisungen?

 

Ähnlich wie häufig unterschätzt wird, welches Wissen allein durch die Eddas überliefert wird, wird auch die Bedeutung der Skaldik vernachlässigt. Wie kaum eine andere Quelle garantiert sie den Wahrheitsgehalt von Dingen, die allein durch die Überlieferung der Eddas niemals als sicher bestimmt werden könnten. Außerdem ist sie allein der Grund, weshalb Snorri seine Edda überhaupt verfasste und uns dadurch mythologische Fragmente von unschätzbarem Wert überlieferte.

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Die Lieder-Edda - Übersetzungsvergleich

Mittlerweile gibt es von der Lieder-Edda eine ganze Menge an Übersetzungen. Die Übersetzung der Lieder entpuppt sich allerdings als schwierig, da nur schwerlich Inhalt der Strophen und Versmaß (Rhythmus, Alliteration, ggf. Reime) übertragen werden können - vor allem nicht alles zusammen. Aus diesem Grund muss jeder Übersetzer die Entscheidung treffen, ob sich sein Text eher am Rhythmus oder am Inhalt des Originals orientieren möchte. Das jeweils andere wird zwangsweise vernachlässigt und somit kann eine jede Übersetzung nur in Ansätzen wiedergeben, was das Original als Gesamtkunstwerk darstellt.

 

Ich lasse die Übersetzungen unkommentiert, kann aber nur dazu auffordern, sich insbesondere den letzten Vers der Hávamál-Strophe 77 genau anzusehen.

Am Ende findet sich eine Auflistung der Liederreihenfolge, zu welcher sich die jeweiligen Autoren - meist abweichend vom Original - entschieden haben.

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